Was verbindet Odysseus, Aeneas und die Amazonen mit Hercules? Auf den ersten Blick nicht viel…. Doch im aktuellen Stück der Latein-Theater AG des Spessart- Gymnasiums Alzenau bewerben sich alle vier Parteien um den Titel des „Superhelden“ bzw. der „Superheldin“ in der Castingshow „Rome´s next hero“. ...

... Schon zu Beginn des Wettstreits liefern sich die Moderatoren Minerva und Mercur (Johanna Schrauder und Jan Rosenberger) ein heftiges Wortgefecht: „Es gibt viel mehr Männer, die große Taten vollbracht haben. Es sei denn, man rechnet Kochen und Putzen zu den Heldentaten.“ Darauf kontert die Göttin der Weisheit herablassend: „Brot kann wenigstens schimmeln – und was kannst du?“ Immerhin besteht Einigkeit darin, dass die Punkte für die „Domini“ und „Dominae“ auf einer von Vulcanus angefertigten Tafel festgehalten werden sollen.

Odysseus (Felix Baude), der sich als erster Bewerber vorstellt, erzählt überzeugend von seinen Abenteuern bei den Sirenen und der bezaubernden Circe, die seine Männer mit den sprechenden Namen Depressivus, Stupidus, Relaxus, Minimus, Mamphus und Eurylochos in Schweine verwandelt hat (verkörpert von Luana Weis, Felix Kraus, Nele Scheffler, Sebastian und Benedikt Lorenz, Jonas Rossmann und Justus Müller-Haye). Die Seeleute, mit denen Odysseus unterwegs ist, machen ihren Namen alle Ehre, wie z.B. der korpulente Mamphus: „So einen Körper wie den meinen bekommt man nicht in die Wiege gelegt. Dieser imposante Vorbau erfordert viel Schweinebraten und konsequenten Bewegungsmangel.“ oder auch Minimus: „Ich bin nicht klein, ich bin ein Konzentrat!“ Am Ende der Schilderung ist Mercur fest entschlossen, den Punkt an den weitgereisten Odysseus zu vergeben, doch argumentiert Minerva, dass die Idee, sich mit Wachs die Ohren zu verschließen, von Circe stamme und deshalb dieser Punkt an die Frauen gehen müsse.

Auch in der zweiten Runde, die von Aeneas (Benedikt Schmitt) bestritten wird, schneiden die Männer schlecht ab. In Nordafrika gestrandet genießen die überlebenden Trojaner (Linguaelapsus, Crassus und der schwerhörige Ohropaxus: Sophia Sigle, Benedikt Lorenz, Frieda Vorholz) die Gastfreundschaft der karthagischen Königin Dido (ausdrucksstark gespielt von Juliana Lepinat) und ihrer Schwester Anna (Jacqueline Münch), doch zwingt sie der Wille der Götter aufzubrechen (Mercur: „Navigare necesse est!“) und Dido mit gebrochenem Herzen zurückzulassen. Dieses Verhalten rührt selbst die eher kühle Minerva zu Tränen: „Aeneas hätte Dido doch mitnehmen können!“ Auch wenn Merkur lakonisch feststellt: „In der Liebe wollen Frauen immer Romane erleben und Männer eher Kurzgeschichten!“ geht der Punkt in diesem Fall erneut an die Frauen.

Martialisch gewandet betreten nun die Amazonen die Bühne, allen voran Otrera (Rosina Schmitt), Hippolyte (Lilly Angerer) und Penthesilea (Mia-Sophie Franz), die mit ihren Schildern „Männerfreie Zone“ und „Ladies only“ für Heiterkeit im Publikum sorgen. Auf Hippolytes Wunsch nach einer männerfreien Gesellschaft entgegnet Mercur: „Eine Frage hätte ich noch. Warum seid ihr noch nicht ausgestorben, wenn ihr alle Männer so vehement ablehnt?“ Die Antwort darauf erschließt sich in der folgenden Szene, in der die Amazonen am Lagerfeuer überlegen, wie sie an Männer zum Erhalt des Stammes kommen könnten. Als ein aufwendig zurechtgemachter Lockvogel versagt, gelingt es der Amazone Intelligentia (Carmen Häring), die Männer mit einem frisch gebratenen Steak aus der Deckung zu locken. Neun Monate später werden die „Ergebnisse“ präsentiert. Die Mädchen dürfen bei ihren Müttern bleiben, Söhne werden sofort aussortiert: „Fehlproduktion! Da lohnt sich die Aufzucht nicht! Reine Zeitverschwendung!“ Dieses unbarmherzige Verhalten und Achills späte Liebe zur toten Penthesilea (in der Rolle der Hecuba: Neele Kraus) führen dazu, dass der nächste Punkt an die Männer geht, so dass es jetzt 2:1 steht.

In der letzten Runde meldet sich Hercules zu Wort (im Löwenkostüm überzeugend dargestellt von Clara Scheffler): „So, was ist jetzt noch zu tun. … Stall des Augias ausgemistet? …. Erledigt… Jetzt fehlen nur noch die Äpfel der Hesperiden.“ Unterstützt von Atlas und Iphicles gelingt es ihm, von den Hesperiden (Helen Müller- Haye, Lee-Ann Scheradt, Aurelia Thome) die goldenen Äpfel zu erhalten, ohne vom Drachen Ladon (Sophie Baude) gefressen zu werden. Auch die kritische Minerva muss zugeben, dass Hercules nicht nur Muskelkraft besitzt, sondern auch Intelligenz und Kreativität.

Daher geht dieser Punkt an die Männer und es steht unentschieden im Männer- Frauen-Wettkampf. Hier wäre die Castingshow eigentlich zu Ende gewesen, hätte nicht Mercur mit seiner Bemerkung: „Wenn Mathe zu leicht geht, ist das Ergebnis immer falsch!“ bei Minerva eine Phase intensiven Nachdenkens ausgelöst: „Warte mal! Was hast du da eben gesagt? Dass ich da nicht draufgekommen bin! Mercur – Das ist eine intellektuelle Glanzleistung von dir! Es geht bei unserem Heldencasting gar nicht um den Super-Helden oder die Super-Heldin, sondern um die inneren Werte, die sie verkörpern. Das ist es, was wirklich zählt!“ Die beiden Götter zählen auf, was für sie wichtig ist: „Wertschätzung, Toleranz, Rücksicht, Respekt, Gemeinschaftssinn, Vertrauen und Verantwortung“. Minerva rundet dieses Aufgebot an Werten mit einem Zitat Senecas ab: „Man muss, solange man lebt, lernen, wie man leben soll.“ Und Mercur ergänzt: „Wenn man diese Werte achtet, dann ist das ein Sieg für uns alle, für die ganze Menschheit! Dann sind wir alle hier wahre Helden!“

Mit dieser Botschaft hatten die rund 40 Akteure der Latein-Theater AG unter Leitung von StDin Christine Bax mit ihrem selbst geschriebenen Stück offensichtlich den Geschmack des Publikums getroffen. Die hervorragende Leistung der Schauspieler und Schauspielerinnen, die am Ende noch einmal namentlich von Elina von Heiden und Nele Zink vorgestellt wurden, belohnte das begeisterte Publikum in der ausverkauften Mensa mit langanhaltendem Applaus. Der Erlös aus den großzügigen Spenden soll Projekten der Stiftung Kinderzukunft und dem Hanauer Kinderhospiz Louise de Marillac zugute kommen.

Fotos: F. Neubeck und H. Büchner