„Not ist die Mutter der Intelligenz.“ Michael Verleih weiß, wovon er da spricht. Der Physiker, der am 02. Februar 2018 das Spessart Gymnasium besuchte, lebte und arbeitete in der „Deutschen Demokratischen Republik“ - bis 1983 DDR-feindliche Manuskripte ...

... aus seiner Feder gefundenwurden. Doch von Anfang an: Geboren in Berlin Mitte in Sichtweite des „Telespargels“ - so nannten die Ostberliner verpöhnterweise ihren Fernsehturm - wuchs Hr. Verleih relativ normal auf und durchlief die typische, bzw. gewünschte, Schülerlaufbahn. Naja, so „normal“ und „typisch“ wie es eben geht, wenn zwei S-Bahn-Stationen weiter ein anderes und doch irgendwie zugehöriges Land beginnt. Doch das Leben auf dieser Seite des „antifaschistischen Schutzwalls“ hatte einige Besonderheiten: Schon im Grundschulalter waren die Schüler eines Tages dazu angehalten ein Dokument zu unterzeichnen, in welchem sie sich verpflichteten, kein Westradio zu hören. Die erste Unterschrift, die die Schüler selbst tätigen durften... Sie unterschrieben begeistert. Jegliche Informationsbeschaffung aus Westdeutschland war untersagt. Egal, ob Fernsehen, westdeutsche Zeitung oder der „RIAS“ (=„Rundfunk im amerikanischen Sektor“). Nein, es hatten der „Fernsehfunk“, sowie ostdeutsche Radiosender und Literatur zu sein! Aufgefallen war es schnell, wenn sich jemand nicht daran hielt: ließ man Kinder das Sandmännchen malen, welches auf jedem der beiden Bildschirme verschieden war, oder hörte man ein Surren im Radio, ein Störsender zur Signalstörung des RIAS, war es klar, was zuhause verbotenerweise gesehen und gehört wurde. Gemacht wurde es natürlich trotzdem. Hr. Verleih zum Beispiel kann heute noch jede Sequenz ihrem Radiosender zuordnen und damals hatte er einen Kalender, um festzuhalten, wann Radiosendungen mit seiner Lieblingsmusik kamen, unter anderem auch auf dem RIAS. „Es ist immer wichtig zu wissen, was die anderen sagen“ war die Devise seines Vaters, die auch ihn geprägt hat. In der Schule hatte sich jeder zu benehmen. Kritik an der Regierung, das Lesen von „Schund- und Schmutzliteratur“ und das Tragen einer inakzeptablen Frisur waren ausschlaggebende Punkte, um einen Schüler der Schule zu verweisen. Was tunlichst zu vermeiden war, denn einmal von der Schule „geflogen“ war jegliche Weiterbildung und Karriere im Eimer. Hr. Verleih ist vier Mal beinahe der Schule verwiesen worden, doch der gute Stand seines Vaters bewahrte ihn davor und erbrachte ihm letztlich auch die Zulassung zur erweiterten Oberschule, um sein Abitur zu absolvieren. Dies war „Arbeiter- und Bauernkindern“ vorbehalten. Nur acht der 32 Kinder in seiner Klasse durften diese Förderung genießen. So beendete er die Schule erfolgreich und arbeitete in Forschung und Entwicklung bis zu einem nebligen Montag im Jahre 1983. Als er seine kleine Wohnung verlässt und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren will, steht kein einziges Auto auf der Straße, keine Menschenseele ist unterwegs – und das in Berlin! Am Ende eines Waldweges stößt Hr. Verleih auf eine Straßensperre. Die Staatssicherheit fragt ihn nach seinem Namen und seinen Papieren. Nachdem er bestätigt Michael Verleih zu sein, jedoch keine Papiere bei sich hat, wird er festgenommen und zwölf Stunden lang verhört. Im Nachhinein wird er erfahren, dass die ganze Umgebung mit Straßensperren gepflastert und komplett abgeschottet worden war, um einzig ihn ohne Zeugen arrestieren zu können. „Mephisto sei mit Haft zu bearbeiten.“ heißt der Befehl der Stasi, nachdem ihr unveröffentlichte regierungskritische Schriften Verleihs in die Hände gefallen waren. So wurde Mephisto – Hr. Verleihs Stasi-Codename - in eine dunkle Einzelzelle verfrachtet und jeden Morgen zu aufgezeichneten und von Psychologen ausgewerteten Verhören geführt. Nicht gerade eine angenehme Art den Tag zu beginnen - besonders, wenn schon die Nacht alles andere als ruhig war. Patroulierende stampften über die Gänge, stießen gegen die Türen und überprüften die Gefangenen durch eine Lucke hindurch mit einem hellen Scheinwerfer. Etwa alle 6 Minuten... Und dann war da noch dieses unaufhörliche Klopfen. Von beiden Seiten der Zelle pochte es, doch zu orten oder einem Schema zuzuordnen vermochte er vorerst nicht. Nach einiger Zeit - wie lang es wohl gewesen war lässt sich in der Isolation nicht erörtern – kam er auf die zündende Idee: das Alphabet! Die Anzahl der Klopfer entsprachen der Stellung der Buchstaben im Alphabet. Zugleich nahm er Kontakt zur angrenzenden Zelle auf und erfuhr so von dem Pianisten Micha und dem Armeeverweigerer und Fluchtversucher Chris. Nachdem er in dieser Einrichtung fünf Zellgenossen miterlebt hatte, von welchen drei Spitzel gewesen waren, verlegte man Herrn Verleih nach Hohenschönhausen. In Knebelketten wurde er nach sieben Monaten streng geheim dem Gericht vorgeführt und zu vier Jahren Zuchthaus wegen „schwerer staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. So kam er ins Zuchthaus Brandenburg, in Trakt 1A - der am meisten abgeschottete und geschützte Teil dieses Gefängnisses. Mit vier Jahren hatte Mephisto hier eine der mit Abstand kürzesten Haftstrafen. In seiner 20m² großen acht-Mann-Zelle schlief und arbeitete er mit Häftlingen, die teilweise bis zu sechs Menschen ermordet hatten. Doch wie ein Zuchthausmitarbeiter ihn bald wöchentlich aufs Neue erinnerte war der DDR „Jeder Mörder (…) lieber, als ein Staatsfeind!“. Der Alltag bestand aus Zwangsarbeit – winzig kleine bis mannsgroße Elektromotoren zu wickeln – und war von Schlägereien unter den Häftlingen um Material und Werkzeug geprägt. In den etlichen Stunden, die sie auch in der Zelle verbringen mussten, wurden die Gefangenen erfinderisch. Mit einem Tauchsieder und geklauten Elektromotor-Teilen konnten sie Tee kochen, Malefiz mit Brotfiguren und ein selbstgebautes Radio waren der zwar verbotene, aber rettende Zeitvertreib im Zuchthaus. So verbrachte er Tag für Tag mit Mördern und Psychopathen und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Und bei einem der regelmäßigen Besuche aus anderen Gefängnissen geschah der unglaubliche Zufall. Er sollte doch tatsächlich Chris und Micha aus den Anfängen seiner Haft wiedersehen. Doch trotz dieser fast unmöglichen Begegnung wurde seine Haft nicht kürzer. Vorerst... Etwa nach der Hälfte seiner angedachten vier Jahre kaufte die Bundesrepublik Deutschland Herrn Verleih frei und er kam nach Westberlin, wo er von Amnesty International empfangen wurde. Von 15 seiner 50 Mark lieh er sich mit großer Überwindung ein Fahrrad und als er bei dem nun folgenden Ausflug die deutsch-französisch/französisch-deutsche Grenze überfuhr, da wurde Michael Verleih klar: Ich bin frei! Die Klassen 10 a, b und c danken Herrn Verleih von ganzem Herzen, dass er uns diese Einblicke in sein Leben in der Deutschen Demokratischen Republik gewährt hat. Wir wünschen ihm weiterhin viel Erfolg dabei, Schülern sowie Erwachsenen das Glück der freien Demokratie, die wir hinreichend als Selbstverständlichkeit wahrnehmen, vor Augen zu führen.

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