Am 27.10.2016 besuchten die Schüler der Geologie-Kurse der Q12 den oberen Kahlgrund. Dabei sollte sich herausstellen, dass diese Exkursion, obwohl sie am vorletzten Schultag vor den Herbstferien stattfand, keinen vorgezogenen Ferientag darstellte und dass eine verfrühte Umstellung in den "Ferien-Modus" ...

... fehl am Platz gewesen wäre. Denn das straffe Programm, das Herr Kugler vorgesehen hatte, erforderte durch insgesamt fünf verschiedene allesamt potentiell "Klausur-relevante" Stationen höchste Aufmerksamkeit. Dabei muss festgehalten werden, dass dessen Inhalt höchst interessant war, das anstrengende Unterfangen mit Nachmittagsanteil in der Haut eines Schülers steckend jedoch prinzipiell zunächst kritisch beäugt werden musste. Mit der Exkursion verfolgte Herr Kugler eine Doppelstrategie. So sollten diverse geologische Phänomene nicht nur durch Vor-Ort-Sein anschaulich gezeigt und erklärt werden, sondern die mutmaßlich naturscheuen Schüler um das Wissen über die Schönheit und Attraktivität des oberen Kahlgrundes bereichert werden. Vielleicht sollte so mit den Gerüchten über einen noch nicht zivilisierten "Busch" aufgeräumt werden. Um 8:08 Uhr startete unser Bus in Richtung Kahlgrund. Auf dem Weg stiegen noch Schüler aus den Peripherie-Siedlungen Michelbach und Blankenbach zu. Sobald es etwas heller wurde stellten wir fest, dass der goldene Oktober sich vorzeitig in die Ferien verabschiedet haben musste und einen kalten Herbsttag zurückgelassen hatte, dessen Nebelschwaden den Kahlgrund passend in eine einsame Stimmung tauchten.

Mitten im Niemandsland fuhr der Bus links ´ran und wir stiegen aus. Nachdem wir uns auf einem unbefestigten Weg ein paar Meter von der Straße entfernt hatten, schälten sich die Umrisse einer Schranke sowie großer Maschinen aus dem Nebel.

Wir hatten unser erstes Ziel erreicht, einen Steinbruch an der "Feldkahler Höhe". Die Firma Hufgard baut dort Kalk ab, der zerkleinert u.a. als Dünger verwendet wird. Sobald die 20 bis 30 Meter dicke Kalkschicht abgetragen ist, muss die Fläche rekultiviert werden. So ist bereits ein Golfplatz auf dem angrenzenden ehemaligen Gelände entstanden. Ein Beleg dafür, dass die Wirtschaft sich auch in den wenig entwickelten Gebiete Deutschlands den Regularien beugen muss. Nachdem die Calcit-Kristalle fotographisch dokumentiert und die Taschen mit Proben von weiß glänzendem Baryt gefüllt worden waren, begaben wir uns zurück zum Bus. Besonders attraktiv an dieser Station wäre es gewesen, seine Schuhe nicht durch den Matsch zu verschmutzen. Ohne Zeit zu verlieren ging es direkt weiter.

Mit "Willkommen im Spessart" empfing uns um 09:20 Uhr das nächste Ereignis. Dass auf dem "Wildschwein-Weg" keine Eber im Unterholz entdeckt werden konnten, muss auf die Ernährungsgewohnheiten der umliegenden Siedler zurückzuführen sein. Nach einigen Minuten erreichten wir den Gräfenberg. Seine Spitze ist der übrig gebliebene Teil einer Sandsteinschicht, die über der Kalkschicht liegt. Weil der Berg durch eine Sandsteinstufe sehr steil ist und die Spitze erhöht liegt, lohnte es sich für die Grafen von Rieneck, darauf eine Burg gegen den Mainzer Fürstbischof zu errichten. Weil die Steine der Burg durch Abtragen und In-einer-Kirche-der- Umgebung-Einbauen recycelt wurden, beruht das angenommene ursprüngliche Aussehen der Burg auf Spekulationen aus den wenigen noch vorhandenen Resten. Aber auch ohne vollständige Burg diente der Berg bei Vermessungen als Triangulationspunkt. Wer hätte gedacht, dass es im Kahlgrund romantische, verlassene Burgruinen gibt? Oder dass es dort Ziele geben könnte, die es sich lohnt anzupeilen?

Vorsicht! Bei der nächsten Station warteten gleich mehrere Gefahren auf die Schülergruppe. Denn im seinem Namen gerechten Steinbruch "Hartkoppe" bei Sailauf werden Schüler gerne von tonnenschweren Lastwagen überfahren, von herunterstürzenden Steinmassen begraben, in den 70 Meter tiefen und 200m durchmessenden Abgrund des Tagebaus gerissen oder langsam aber dafür sicher von radioaktivem Uran verstrahlt. In diesem ehemaligen Vulkanschlot und größtem Loch der Umgebung wird Rhyolith, ein magmatisches Gestein, abgebaut. Dieses wird als Schotter und zum Befüllen von Gabionen verwendet, sodass der Schrecken der Grube auch in häuslichen Portionen im Garten genossen werden kann. Wichtig ist es, das Wasser vor dem Verlassen der Grube in Tanks um Schwermetalle wie Uran und Wismut zu erleichtern, um eine Verunreinigung des Grundwassers zu verhindern. Alle Anwohner Sailaufs, die keine staubenden und lärmenden Lastkraftwagen mögen und ein Einbrechen der Wände des Tagebaus befürchten, dürften sich auf das Ablaufen der Abbaugenehmigung 2020 freuen. Interessant ist, dass der Steinbruch aufgrund von Rissen im Gestein ungeeignet für das Deponieren von Müll ist. Die geplagten Einwohner Sailaufs sind also einem zweiten Übel entgangen. Fast unglaublich scheint es, dass alle Schüler den Steinbruch lebend und in tadellosem Zustand verließen.

Ein Sonnenstrahl durchbrach um 10:55 kurz die Nebeldecke und wirkte sich positiv auf die Stimmung der Schüler aus. Nicht mit der Stimmung aber mit den Schülern sollte es kurz darauf jedoch tief in ein Bergwerk gehen.

Genau pünktlich um 11:00 erreichten wir die Grube Wilhelmine in Sommerkahl. Mit einer Erwähnung des Sommerkahler Kupferabbaus 1542 ist abschließend belegt, dass der hintere Kahlgrund wohl scheinbar doch schon längst zivilisiert worden sein muss. Das Bergwerk wurde mit Führung in zwei Gruppen besichtigt. Aufgrund der schlechten Methoden wurde das Kupfer vor 1871 nur über Tage abgebaut. Dann aber war es möglich, das Grundwasser mit Dampfkraft an die Oberfläche zu pumpen und sich mit Dynamit schneller voran zu sprengen, sodass drei Ebenen - in vom Förderturm gemessenen 23, 42 und 60 Metern Tiefe - angelegt werden konnten. Von einer hohen Ausbeute konnte man erst ab einem Kupferanteil von 2% sprechen, der hier aber nur selten erreicht wurde. Besonders kupferhaltig waren die oberen Schichten. Im Gestein liegt das Kupfer blau oder grün in oxidierten Formen vor. Daneben waren in den Gängen Kalkablagerungen, wie etwa winzige Stalagmiten und Stalagtiten, zu beobachten. Bewusst wurden wir uns auch der miserablen Arbeitsbedingungen, die früher herrschten. Denn sogar Frauen und Kinder ab 13 Jahren arbeiteten in den engen Gängen, oft liegend und über Kopf arbeitend, bei schlechtem Licht und kalten 10?C. Vielleicht waren deswegen die beiden Statuen der Heiligen Barbara am Eingang, die als Schutzheilige der Bergleute galt, so wichtig. Zum Schutze gab es nur Zipfelmützen, die zwar im Vergleich mit Bergarbeiterhelmen keinen nennenswerten Schutz vor mechanischen Stößen boten, aber eine sensorische Funktion erfüllten, indem sie bei niedrigen Stellen vor dem Kopf an die Decke stießen. 1922 wurde der Bergbau eingestellt. Mittlerweile hat das Grundwasser die tieferen Ebenen geflutet, sodass für eine vollständige Besichtigung getaucht werden müsste. In den Gängen gibt es einen Raum, der seit 10 Jahren als Standesamt genutzt werden kann. Dabei sollten aber alle Bräute berücksichtigen, dass der weiße Zustand des Kleides schwer zu halten sein würde. Aus den dunklen Gängen, in denen nur die Silhouette des Vordermanns zu erkennen war, stiegen wir am Ende der Führung eine Schräge hinauf in das Licht, denn mittlerweile schien die Sonne hell und warm, was die Gruppe von ihrem Vorhaben abhielt, die Namensgebung des nach der sonnigsten Jahreszeit benannten Ortes zu beanstanden.

Nach einer etwa einstündigen Mittagspause in "Downtown"-Schöllkrippen, erwanderten wir ab 14:15 als letzte Station einen Teil des Geologischen Lehrpfades. Von einem Punkt mit besonders gutem Ausblick über den Kahlgrund konnten wir sehen, an welchen Stellen die Sandsteinschicht noch vorhanden ist. Diese ist hier die oberste Schicht und bildet an ihren Rändern Stufen. Im oberen Kahlgrund lässt sich diese Sandsteinstufe gut erkennen, denn der Sandstein reicht genau so weit wie der Wald. Zwischen den Bäumen bewunderten wir noch eine Buntsandsteinstufe von unten. Weil es für das Einprägen von Wissen gut ist, dessen Wahrhaftigkeit zu spüren, stiegen wir auf die 150 Meter hohe Stufe, und zwar von der flachen Seite. Dort gab es eine kurze Pause, bei der wir den Wall einer Fliehburg bewunderten, dann rutschen wir auf der steilen Seite wieder herunter. Um 16:00 waren wir wieder beim Bus und es begann die Rückfahrt. Insgesamt sind wir auf dieser Exkursion mehr gewandert als bei den Wandertagen der letzten Jahre zusammengenommen. Ich hätte nicht gedacht, dass man aus unseren "normalen Hügeln" so vieles über Geologie lernen kann.