Eine bewegende Zeitzeugenlesung am Spessart-Gymnasium - Eigentlich kommt sie aus Fürth, Ruth Weiss (geborene Löwenthal), mittlerweile 93 Jahre alt, kein bisschen leise oder müde, wenn es um ihr großes Anliegen geht: Den Überzeugungskampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung ...

... jedweder Art zu führen. Das kleine Hörstein, Stadtteil Alzenaus, ist in ihrer Erinnerung bis heute eine Gleichung für glückliche Kindheitstage, erklärt sie den Schülerinnen und Schülern. Es ist der Ort, wo sie bei ihren Verwandten väterlicherseits völlig unbeschwerte Ferien verbracht hat. Sie sei als Kind in Hörstein einfach glücklich gewesen, habe alles erlebt und gehabt, um eine "normale Kindheit" zu genießen. Auch die Löwenthals in Aschaffenburg mit ihrem Kaufhaus genau dort, wo sich heute in der "Herschelgass" eine Filiale der Modekette "Peek und Cloppenburg" befindet, wirken mit an diesem ganz "normalen Ferienparadies".

Wie überlebenswichtig es ist, gleichsam mit einem Vorrat, einem Erfahrungsschatz von Geborgenheit, und Unbeschwertheit ausgestattet zu sein, erlebt sie, die Jüdin, als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergreifen. Die quicklebendige jüdische Gemeinde in Fürth mit ihren fünf Synagogen, der Reichsparteitag-Stadt Nürnberg so dicht benachbart, erlebt alle Formen des Antisemitismus unmittelbar nach der "Machtergreifung" am 30. Januar - und das in geballter Form. Der Vater, arbeitslos geworden, nimmt noch im selben Jahr das Angebot eines ausgewanderten Verwandten, nach Südafrika zu gehen und dort beruflich Fuß zu fassen, an. Ruth, ihre Mutter und Schwester bleiben noch bis 1936 in einem Dorf bei Fürth, leben beengt und diskriminiert. Ruth, die in ihrer Schule beliebt gewesen ist, verliert mit einem Schlag die Freundschaft ihrer Mitschülerinnen sowie den Respekt und die Anerkennung ihrer Lehrer. Sie wird von allen wie Luft behandelt, sie existiert nicht mehr als Person in der antisemitisch vergifteten Gesamt- Atmosphäre. Es geht um das Überleben: das physische und um das seelische. Wie bis Ende 1936 viele andere Juden können auch Ruth und ihre Familie nach Südafrika emigrieren. Mit einem Frachtschiff der Birma-Linie reist sie von Hamburg über Southampton den afrikanischen Kontinent entlang. Da man immer wieder Ladung aufnimmt, dauert die Reise sehr lange. Dieses Schiff ist ein Weg, ihr Weg, hinaus aus dem antisemitischen Vorkriegsdeutschland hinein in das Land Südafrika, wo der Rassismus der Weißen gegenüber den Schwarzen tobt. Eine Ahnung, was das bedeutet, hat die noch nicht Zwölfjährige bereits während dieser Schiffspassage: An Deck leben, schlafen und kochen schwarze Passagiere, die mit den Weißen aus der ersten und zweiten Klasse nicht sprechen dürfen. Ruth versteht sich bestens mit ihnen….-

Ruth Weiss kehrt während der Lesung aus ihrer Autobiografie "Wege im harten Gras" sich erinnernd immer wieder nach Hörstein zurück und das - für die Zuhörer durchaus auch ein wenig überraschend - gerade dann, wenn ihr Begleiter und Assistent Lutz Kliche afrikanische Passagen vorliest. Es mag daran liegen, dass sie im rassistischen System Afrikas mit weiß-schwarzer Prägung auch den antisemitischen Rassismus erlebt hat - ähnlich wie im Deutschland des Nationalsozialismus. Im Afrika der Apartheid hat sie die "richtige" Hautfarbe, aber immer noch die "falsche Religion." Welch ein Irrsinn! Und nun verdüstern sich auch die Hörsteiner Erinnerungen, denn Ruth Weiss, Journalistin und Autorin, mit Nelson Mandela und Denis Goldberg bekannt, mit letzterem eng befreundet, im Kämpfen geübt, von Robert Mugabe aus Zimbabwe bedroht, weiß auch, dass ihren Verwandten in Hörstein antisemitische Gewalt angetan worden ist, erlebt 1962 bei ihrem ersten Wiedersehen mit der Gemeinde, dass der Bürgermeister, der beste Freund ihres Vaters, diesen zunächst verleumdet. (Er besinnt sich am Ende des Besuchs eines Besseren, läuft ihr nach und richtet Grüße an den Vater aus).

2010 benennt sich eine Realschule in Aschaffenburg nach ihr, manche unserer Schüler aus den Übergangsklassen kommen von der Ruth Weiss Realschule und gehen ihren Weg am SGA Richtung Abitur. Und, um noch einmal auf die Bedeutung des "Vorrats" an glücklichen Kindheits-Erinnerungen zurück zu kommen: Sie sind für Ruth Weiss ein solch starkes Fundament für ein engagiertes Leben gegen Hass und Ungerechtigkeit, dass sie in ihrem Eintrag in das Gästebuch der Schule schreibt, es sei etwas Besonderes mit jungen Leuten aus Hörstein zusammenzutreffen. Auch wenn sie längst nicht alle aus diesem Stadtteil Alzenaus kommen, sie, wir, haben alle verstanden, was ihr Gruß bedeutet.