Takis Würger sprach zu ausgewählten Schülerinnen und Schülern des SGA über NOAH: „Ich bin ein Überlebender.“ (Noah Klieger) oder mit den Worten von Takis Würger: „Keep on livin‘!“

Takis Würger begegnete am 28.06.2021 über ein Videokonferenzsystem 8 Lerngruppen des SGA ...

... (7 Deutsch-Oberstufenkurse der Q11 und die Ethik- Kopplungsgruppe der 9. Jahrgangsstufe). Takis ist ein Schreibender und Erzählender – ein renommierter Journalist und Schriftsteller, der mit seinem Erstlingswerk „Der Club“ und vor allem mit dem halb-biographischen, halb-fiktionalen Roman „STELLA“ für großes Aufsehen in der deutsch-sprachigen Literaturszene sorgte. In seinem aktuellen Buch „NOAH“ kommt der Protagonist selbst zu Wort. Es erzählt Noah Klieger, 1925 in Straßburg geboren und 2018 in Tel Aviv gestorben. Ein Zeitzeuge des Holocaust. Ein Ausschwitz-Überlebender. Noah überlebte alle, die ihn vernichten wollten. Er boxte in Schaukämpfen des Konzentrationslagers zu Unterhaltungszwecken der Aufseher. Er wusste zwar nicht wie das geht - das Boxen - aber er tat es dennoch. Es ging nicht um den Sieg. „Es gab nichts zu gewinnen, außer dem eigenen Leben.“

Und so erzählte Takis, statt zu lesen. „Lesen könnt ihr viel besser als ich.“ Wir konnten uns durch die eindringliche Beschreibung seiner ersten Begegnung mit Noah plötzlich bildlich vorstellen, was es bedeutet, einem Menschen zu begegnen, der einen beflügelt. Einen begeistert, einen inspiriert. Es verstanden wohl bald alle, dass Noah Klieger für Takis nicht nur ein unerbittlicher Krieger war, der nie aufgab, sondern auch ein Vorbild. Warum das so war, ergab sich einfach so – im Dialog. Um die 240 Schüler und Schülerinnen wurden von Takis eingeladen, ihm Fragen zu stellen. Egal welche. Fragen über Noah oder über den absurden Alltag im Konzentrationslager. Fragen über das Schreiben und die Probleme eines Autors. Fragen über das Studium in Cambridge und das Scheitern. Fragen über das Auf und Ab des Lebens. Zu Beginn kamen die Fragen noch zaghaft und vorsichtig. Man wollte sich nicht blamieren vor einem berühmten Schriftsteller und der großen Zuhörerschaft. Doch bald entwickelte der Dialog eine Eigendynamik und wir vergaßen, was uns trennte: über 500 Kilometer zwischen Berlin und Alzenau, etliche Lebensjahre, unterschiedliche Lebensphasen und Biographien. Das lag an Takis. An seiner leidenschaftlichen Intensität und unkonventionellen Offenheit, die durch das virtuelle Medium bei uns ankamen. Er ließ uns spüren, was es bedeutet, an einem Traum festzuhalten. Welche Widerstandskraft eine aufrichtig gefühlte Sehnsucht entfalten kann. Dass ein Traum ein unterlegenes Individuum vor der Übermacht des gleichgeschalteten Nazi-Regimes retten kann. Dass er Hoffnung und Entschlossenheit verleiht, die einmal verinnerlicht, nie mehr zu weichen scheinen.

Takis sah sich also nicht als politischer Verkünder von oft viel zu plakativ vorgetragenen Botschaften gegen Antisemitismus und Rassismus. Er spielte keine Rolle und erfüllte keine ihm aufgetragene Aufgabe. Er zeigte sich uns als ein Ich, das im Laufe seines Werdegangs auch Misserfolge und Orientierungslosigkeit erlebte und durch den Kontakt mit den richtigen Menschen eine für ihn wichtige Erkenntnis gewann: „Lasst euch keine Grenzen setzen. Geht davon aus, dass die Welt auf euch wartet. Die meisten Menschen da draußen lieben Menschen und sind freundlich. Sie werden euch helfen, wenn ihr sie um Hilfe bittet. Es kann einfach sein.“ Spätestens ab diesem Zeitpunkt merkten auch der letzte Zuhörer und die letzte Zuhörerin, dass es bei dieser „Online-Lesung“ um alles ging. Nicht „bloß“ darum, sich gegen menschenverachtende Ideologien oder anti-demokratische Positionen auszusprechen. Auch nicht darum, ein Buch zu vermarkten oder den Beruf des Schriftstellers von romantisch verklärten Klischees zu befreien. Es ging um nichts weniger, als um das eigene Leben. Wie bei Noah: Wir sollten „Ja“ sagen zum Boxkampf. „Ja“ zum Risiko, das nicht nur eine Gefahr, sondern auch immer eine Möglichkeit bedeutet. „Ja“ zum Leben. Dabei sollten wir nicht kämpfen, um zu gewinnen, oder um uns mit Auszeichnungen zu schmücken. Wir sollten um unsere Träume kämpfen. Um das was uns wahrhaftig antreibt. Um die Freiheit, unser Leben selbstbestimmt zu leben. So dass wir, wenn wir einmal alt sind, sagen können: „Mein Leben war schön! Ich habe gelitten und geliebt. Ich habe verloren und gewonnen. Ich war am Boden und bin wieder aufgestanden. Ich habe mein Leben gelebt. Das war mein Leben.“ Noah Klieger starb, kurz nachdem er seinem Freund Takis sein Leben erzählte, wie er es erlebt hatte. Kurz nachdem er das fertiggestellte Manuskript redigierte und zur Veröffentlichung freigab. In NOAH spricht die Stimme des Protagonisten direkt und unverstellt zu uns. Uns, den nachfolgenden Generationen, die die NS-Zeit nicht kennen lernen mussten. Es ist die Stimme eines Überlebenden, eines Boxers, eines Kriegers – Noah war kein „Gutmensch“. Aber er überlebte, indem er seinem Traum von einem Leben in Freiheit und Würde treu blieb. Und vielleicht macht ihn genau das zu einem Helden. DANKE Takis, dass du zu uns gesprochen hast und deine Erfahrungen und Gedanken mit uns teiltest!

 

Eine Auswahl von Schülerkommentaren zum Vortrag:

„Takis Würger gab uns einen Einblick in das Berufsleben eines Journalisten und Schriftstellers. Das fand ich gut. Aber er gab mir auch das Gefühl, es wäre alles so leicht.“

„Takis Würger bezeichnete Noah Klieger als einen Krieger. Das klang so positiv. Die Staatsgründung Israels ist aber auch begleitet von Massakern an unschuldigen Menschen. Es geht doch auch um die Besatzung eines palästinensischen Staatsgebiets.“

„Ich fand es gut, Zeitzeugenberichte aus einem Konzentrationslager zu hören. Das ist anders als im Geschichtsunterricht. Nicht so trocken.“

„Ich war sehr überrascht von der Lesung. Sie war gar nicht langweilig und der Autor erzählte über sein Leben als Schriftsteller. Das hat mir gefallen.“

„Ich fand es schade, dass er nicht gelesen hat. Ich hätte gern einen Eindruck von seinem Schreibstil bekommen, um besser entscheiden zu können, ob ich das Buch kaufen will. Aber ich fand gut, wie er zu uns sprach. Er verwendete viel Jugendsprache und war nicht förmlich und distanziert.“

„Ich fand es saugut. Auch wenn das, was er sagte romantisiert und einseitig wirkte. Ich fand auch, dass er die Staatsgründung Israels als zu positiv darstellte. Ich glaube, der Autor kam nicht aus armen Verhältnissen. Vielleicht hat das auch einen Einfluss auf sein Leben und seine Sichtweise.“

„Ich fand den Vortrag sehr motivierend. Aber ich hab mich seltsam gefühlt, als er sagte, wir wären alle weiß und privilegiert.“

„Der Talk war so unfassbar inspirierend und motivierend. Top!“

„Ich wollte gleich los in die Welt und ein Buch darüber schreiben. Echt stark der Typ!“

„Ein absolut sympathischer und vor allem inspirierender Mensch! Ich war einfach nur begeistert und voller Tatendrang!“

„Ich bin auf einmal so motiviert, was Wichtiges mit meinem Leben anzufangen und nicht einfach so vor mich hinzuleben.“

„Ich war total begeistert! Ihm zuzuhören hat mir richtig viel Lust gemacht, meine Zukunft zu leben und mir gezeigt, was man alles schaffen kann. Auch dass man immer stolz auf das sein kann, was man geschafft hat.“

„Am Anfang wirkte der Vortrag etwas chaotisch, aber dann merkte ich, dass er zu uns sprach wie von Mensch zu Mensch und nicht wie von Schriftsteller zu Schüler.“

„Ich finde es wichtig, zu zeigen, dass in der NS-Zeit Menschen lebten, wie wir. Menschen, die Opfer des NS-Regimes waren aber auch böse Dinge taten oder Nazi-Täter, die auch gute Dinge taten. Dieses Trennen in Opfer und Täter gibt uns doch das Gefühl, dass sowas nicht wieder passieren kann.“

„Ich hab mich total auf den Vortrag gefreut. Aber das hat alle meine Erwartungen übertroffen. Ich bin sprachlos! Mich hat das tief berührt.“